Kennen Sie das? Sie sitzen im Auto, alles ist vorbereitet. Termin wichtig, Ziel eingegeben, Route berechnet, Zeitpuffer eingeplant. Das Navi spricht mit dieser Stimme, die suggeriert: Ich weiss es besser als du. Nach zehn Minuten meldet es trocken: «Bitte wenden». Zu spät! Sie stehen auf einer schmalen Strasse, links Wald, rechts Wiese, kein Wenden, kein Plan B. Einfach nur ein ärgerlicher Umweg. Klassischer CEO-Moment: äusserlich ruhig, innerlich leicht genervt.
Und dann passiert es: Die Strasse öffnet sich, der Blick wird weit, irgendwo dampft eine kleine Beiz. Zehn Minuten später sitzen Sie mit einem Kaffee in der Sonne und fragen sich: Warum tun wir im Unternehmen eigentlich alles, um genau solche Momente zu vermeiden?
Im Management sind Umwege verpönt. Sie gelten als Zeichen von Schwäche. Wer sich «verfährt», hat offenbar schlecht geplant. Wer vom Kurs abweicht, muss erklären. Wer sagt «Wir haben unterwegs etwas gelernt», wird angesehen, als hätte er gerade zugegeben, die Strategie verlegt zu haben. Führung soll Sicherheit geben, nicht Überraschungen produzieren. Am liebsten fahren wir Organisationen wie Hochgeschwindigkeitszüge: schnell, effizient, ohne Zwischenhalt. Aber: Die Welt, in der wir heute leben und arbeiten, ist keine Bahnstrecke. Sie ist eher ein Alpenpass mit Wetterumschwung. Und: Die Geschichte ist geradezu gepflastert von Erfolgen, die exakt so begonnen haben wie eine verpasste Ausfahrt.
Alexander Fleming zum Beispiel wollte keine medizinische Revolution auslösen. Er wollte Bakterien untersuchen. Stattdessen hat er eine Petrischale stehen lassen. Ein klassischer Management-Albtraum: Unordnung, Abweichung vom Prozess, keine Dokumentation. Und dann auch noch dieser Schimmel. Zum Glück hatte niemand sofort «aufräumen!» gerufen. Der Umweg wurde zur Erfindung: Penicillin. Und wer würde heute schon auf dieses Antibiotikum verzichten wollen? Der Unterschied war nicht der Zufall. Der passiert ständig. Der Unterschied war, dass Fleming nicht hektisch «aufgeräumt» hat, um wieder im Plan zu sein. Er hat hingeschaut.
In Unternehmen passiert täglich Vergleichbares – nur nennen wir es dort «Ineffizienz». Ein Projekt entwickelt sich anders als geplant. Mitarbeitende stellen unbequeme Fragen, die nicht auf der Agenda stehen. Märkte reagieren irrational. Reflexartig greifen viele Führungskräfte zum Lenkrad und reissen es herum: zurück auf die Route! Bloss keine Abweichung, bloss keine Zeit verlieren. Das beruhigt – kurzfristig. Langfristig kostet es genau das, was wir angeblich suchen: Innovation, Lernen, Anpassungsfähigkeit.
Viele Organisationen sagen, sie wollen Neues. Was sie wirklich wollen, ist Neues ohne Umweg. Innovation bitte planbar, messbar und möglichst ohne Irritation. Das ist, als würde man neue Landschaften entdecken wollen, aber nur entlang der Autobahn. Als CEO muss man sich eine unbequeme Frage stellen: Führen wir noch – oder verwalten wir nur unsere Navigationssysteme? Wer Umwege konsequent vermeidet, bekommt berechenbare Ergebnisse. Und berechenbare Organisationen sind in einer unberechenbaren Welt erstaunlich schnell überholt.
Natürlich braucht Führung Richtung. Niemand möchte von einer Geschäftsleitung hören: «Wir schauen mal, wo wir ankommen.» Aber es macht einen entscheidenden Unterschied, ob Abweichungen automatisch als Fehler gelten – oder als Informationsquelle. Gute Führung erkennt, wann ein Umweg Zeitverschwendung ist. Sehr gute Führung erkennt, wann er ein Geschenk ist. Das verlangt Mut, Gelassenheit und Demut. Denn Umwege sehen im Reporting selten gut aus. Sie passen schlecht in Quartalslogiken. Aber sie sind oft der Ort, an dem Organisationen erwachsen werden. Wer sich nie «verfährt», lernt nichts über das Gelände. Und wer das Gelände nicht kennt, ist auf Dauer kein Navigator.
Damit zurück zum Auto: Das Navi ist nützlich. Aber niemand käme auf die Idee, blind in den See zu fahren, nur weil die Stimme sagt, man solle abbiegen. Führung funktioniert ähnlich. Pläne sind Werkzeuge, keine Wahrheiten. Strategien sind Orientierung, keine Naturgesetze. Oder anders gesagt: Umwege sind kein Zeichen von Orientierungslosigkeit. Sie sind ein Zeichen dafür, dass man noch denkt. Und das, werte Berufskollegen, ist vielleicht die wichtigste Führungsleistung unserer Zeit.
Deshalb sage ich: Bitte nicht wenden!
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