bauRUNDSCHAU

Bunte Glaskunst

Orangerie du Vitromusée Romont. © Vitromusée Romont

Licht ist eines der ältesten Gestaltungsmittel der Architektur. Lange bevor künstliche Beleuchtung Räume erhellte, nutzten Baumeister das natürliche Tageslicht, um Atmosphäre, Symbolik und Struktur zu formen. Mit der Entwicklung der Buntglasfenster im 11. und 12. Jahrhundert begann man, Licht gezielt zu färben, und machte es damit selbst zum architektonischen Element.

Trotz technischer Weiterentwicklungen hat sich das grundlegende Prinzip der Buntglasherstellung seit dem Mittelalter kaum verändert. Am Anfang steht nach wie vor ein detaillierter Entwurf, in dem Motiv, Farbverteilung und Linienführung exakt festgelegt werden.

Traditionell werden dem geschmolzenen Glas Metalloxide beigemischt, um charakteristische Farbtöne zu erzeugen – etwa Kobalt für Blau oder Goldverbindungen für Rot. In spezialisierten Werkstätten wird Glas bis heute mundgeblasen und von Hand weiterverarbeitet, insbesondere bei Restaurierungen historischer Fenster oder bei künstlerischen Einzelanfertigungen. 

Parallel dazu kommen in der zeitgenössischen Architektur zunehmend industrielle Herstellungsverfahren zum Einsatz: Maschinell gefertigtes Flachglas, Laminierungen oder keramische Digitaldrucke erweitern die Gestaltungsmöglichkeiten. Die einzelnen Glasstücke werden je nach Technik durch klassische Bleiprofile oder moderne Metallrahmen zusammengehalten und in die jeweilige Tragstruktur integriert.

Internationale Buntglaskunst 
Während Buntglasfenster lange Zeit primär mit sakraler Architektur assoziiert wurden, fanden sie sich im Laufe der Jahrhunderte in unterschiedlichste Bautypologien wieder. Im schweizerischen Romont befindet sich mit dem Vitromusée Romont eines der wenigen Museen Europas, das sich ausschliesslich der Glasmalerei und Glaskunst widmet. Untergebracht ist es im Château de Romont aus dem 13. Jahrhundert, dessen massive Molasse-Sandsteinmauern einen spannenden Kontrast zu den fragilen Glasarbeiten im Inneren bilden. Gerade dieser Kontrast macht den Ort architektonisch interessant, da die Ausstellungssituationen so konzipiert sind, dass Tages- und Kunstlicht gezielt eingesetzt werden, um die transluzenten Eigenschaften der verschiedenen Glasobjekte sichtbar zu machen. Im Gebäude selbst befinden sich ebenfalls Glasgemälde, die sich vor allem in der Orangerie und der Passerelle bestaunen lassen, wenn die Sonne von aussen ins Innere strahlt.

Auch international sind Buntglasfenster in unterschiedlichen Gebäudearten vertreten. Eine der atemberaubendsten dieser Bauten ist die Sainte Chapelle in Paris, welche zwischen 1242 und 1248 erbaut wurde. Beim Bau dieses Gotischen Meisterwerks wurden circa 670 Quadratmeter Glasfläche verbaut, darunter 15 riesige Fenster im Obergeschoss, welche mit circa 600 bis 1113 einzelnen Szenen die gesamte biblische Heilsgeschichte erzählen. 

In Barcelona verzaubert der Palau de la Música mit seiner wunderschönen Buntglasdecke. Entworfen wurde dieser Konzertsaal, der zum katalanischen Modernismus zählt, von Luís Domènech i Montaner als Zuhause für den Chor «Orfeó Català». Das Glasdach in Form einer invertierten Kuppel verwandelt Sonnenlicht von oben in ein tanzendes Farbenspiel im Innenraum des Konzertsaals und lässt das gesamte Dach wirken, als würde es leuchten. Typisch für den katalanischen Modernismus, wurde bei der Motivwahl mit floralen Mustern und katalanischer Symbolik gespielt. Besonders auffällig ist, dass der Saal tagsüber beinahe ausschliesslich von Tageslicht beleuchtet wird, was zur Zeit seines Baus in keinem anderen Gebäude der Fall war. 

Selbst Wohnhäuser wurden zeitweise mit Buntglasfenstern geschmückt. Ein Beispiel hierfür ist ein luxuriöses Brüsseler Stadthaus im Jugendstil, geplant von Architekt Ernest Delune. Der Eingangsbereich dieses Hauses ist das, was dem Haus sein besonderes Flair verleiht. In die runden Elemente, die sowohl die hölzerne Eingangstür als auch eines der Fenster schmücken, wurden Buntglasfenster mit floralen Mustern in Gold, Grün und Blau eingesetzt, welche den Eindruck erwecken, als würden in diesem Haus Feen und Elfen hausen. 

Auch in Basel steht ein wahres Meisterwerk der Glaskunst. Als Bauwerk der frühen Moderne, geplant von Architekt Karl Moser, gilt die Kirche St. Antonius als die erste reine Betonkirche der Schweiz und stellt eine interessante Fusion aus Beton und Glas mit teilweise brutalistischen Tendenzen dar. Insgesamt zieren das Langhaus der Kirche elf grosse Buntglasfenster, die vom Boden bis zur Gewölbedecke reichen und sich mit ihrer modernen Bildsprache stilistisch von traditioneller Glasmalerei lösen. Was diese Kirche so interessant macht, ist, dass sie als hervorragendes Beispiel von Lichtwirkung dient. Ohne die farbigen Fenster erschiene der Innenraum kühl und schwer. Erst das bunte, gebrochene Licht taucht den Raum in warme Farbtöne, mildert die Strenge des Materials und gestaltet die Raumatmosphäre aktiv mit. 

Gerade angesichts aktueller Debatten um nachhaltige Bauweisen und bewusste Lichtführung erscheint Buntglas überraschend zeitgemäss. Seine Fähigkeit, Licht zu filtern und Räume atmosphärisch zu formen, verleiht ihm auch in der zeitgenössischen Architektur ein bislang unterschätztes Potenzial und könnte auch zukünftig architektonisch relevant bleiben. 

Die mobile Version verlassen