Das Basler Studio von Miquel del Río, Gründer von MIDERI Architekten, spiegelt die Dualität der Stadt am Rheinknie mit ihrer lebendigen Architekturkultur eins zu eins wider: ein gekonnter Balanceakt zwischen den Attributen extrem modern und tief historisch. Das Gespräch erörtert Themen wie «die Falle des Konkurrenzdenkens», «ultimative architektonische Nachhaltigkeit» und warum der bewusste Umgang mit Ressourcen zu einer höheren architektonischen Qualität und Wertbeständigkeit führt.
Interviewpartner: Miquel del Río
Autorin: Gabriela Röthlisberger
Bilder: MIDERI Architekten GmbH
Herr del Río, nebst Ihrem Basler Studio sind Sie mit Satelliten in Barcelona und Medellín international aufgestellt. Wie hat sich das ergeben?
Miquel del Río: Diese Konstellation ist tief in meiner persönlichen Geschichte und meinen Migrationserfahrungen verwurzelt: zunächst in der Migration meiner Mutter von Kolumbien nach Barcelona und später in meinem eigenen Umzug von Barcelona nach Basel. Lustigerweise begannen beide Reisen aus Liebe und führten zu neuen Städten, die jeweils zum zentralen Kontext meiner Arbeit wurden. Das Navigieren zwischen Kulturen bedeutet, dass wir unser globales Talent nutzen können, welches wir mit lokalem Wissen anreichern. Diese crosskulturelle Kompetenz stellt sicher, dass unsere Basler Projekte von den internationalen Ideen profitieren und gleichzeitig die Schweizer Qualitäts- und Regulierungsstandards eingehalten werden.
Das hört sich nach einem interessanten empirischen Prozess an. Aber als wen würden Sie sich am ehesten beschreiben: als Schweizer Pragmatiker, mediterranen Träumer oder kolumbianischen Improvisateur?
Vielleicht als eine Mischung aus allen – oder als keiner von ihnen. Wir sind von einer jungen Stimme, die zunächst Ad-hoc-Möbel entwarf, zu einem Büro mit über 40 realisierten Projekten gewachsen. Dieser Werdegang hat mich verstehen lassen, dass ständige Bewegung und Hinterfragung essenziell sind. Sobald ein Architekt sein einheitliches Gesamtwerk oder eine erkennbare Handschrift sucht, riskiert er, Gefangener seiner eigenen Ideen zu werden.
Sie waren am Umbau des kHaus Basel, einem Kultur- und Kreativzentrum in der ehemaligen Kaserne, beteiligt und gewannen damit einen internationalen Wettbewerb für die Transformation des historischen Gebäudes in einen öffentlichen Raum für die Gemeinschaft. Sie waren die Einzigen, die ein zur Gesellschaft hin offenes Gebäude vorgeschlagen haben – nun ist es ein international anerkanntes Projekt für adaptive Umnutzung geworden. Wollten Sie mit diesem Gebäude eine Demonstration Ihrer Philosophie statuieren?
Ja, irgendwie schon, denn das kHaus war eine monumentale Aufgabe, weil es transformative Architektur verkörperte. Wir haben die ehemalige Kaserne – ein 9 000 Quadratmeter grosses Gebäude am Rande der Bedeutungslosigkeit – genommen und ihren Zweck radikal neu gedacht. Uns war es wichtig, der Vergangenheit des Gebäudes zuzuhören, während wir seine Zukunft programmierten. Indem wir die bestehende Struktur erhielten und radikal anpassten, bewahrten wir das kollektive Gedächtnis des Ortes und verwandelten ihn in einen kulturellen Schmelz-tiegel. Sein Erfolg liegt in seiner Flexibilität und seiner Fähigkeit, positive soziale Interaktionen zu fördern.

Unser Ansatz wurzelte in Respekt vor dem Bestand, nicht in Nachahmung. Das leitende Konzept war «altneu» – eine Architektur, die sich gleichzeitig alt und neu anfühlt. Wir haben die formale und materielle DNA der historischen Struktur beibehalten und ihre klassische Sprache in eine zeitgenössische Form übersetzt. Der Entwurf der Erweiterung drehte sich darum, eine lebendige, neue öffentliche Piazza zu schaffen, die sich natürlich anfühlen sollte. Dieses Gefühl, «natürliche» Räume zu entdecken, wo sie vorher nicht existierten, stammt aus meiner Kindheit, in der ich Stunden damit verbrachte, zu lesen und Welten in meiner Vorstellung zu bewohnen. Architektur erinnert mich an diesen Prozess – eine Welt zu bewohnen, die über das hinausgeht, was vor mir liegt.
Diese beiden Sanierungsprojekte ver-ankern Ihre Arbeit in dem Konzept «Neue Sätze mit alten Worten sagen». Was macht Renovierung in einer Zeit, die vom Nachhaltigkeitsdiskurs dominiert wird, für Sie zu mehr als nur einem Trend?
Für mich ist es keine ästhetische Vorliebe, sondern das fundamentale ökologische Statement unserer Zeit: Das nachhaltigste Gebäude ist dasjenige, das nicht abgerissen wird. Das geht über Ressourcenschonung hinaus. Bestehende Architektur sollte nicht als Last oder Vorlage für Tabula rasa angesehen werden, sondern als eine komplexe Bibliothek vergangener Lösungen. Dieser Ansatz passt perfekt zu den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft – einem zentralen Wirtschaftsimperativ für die heutige Region Basel. Unsere ambitionierteste Herausforderung ist: das nächste Kapitel zu sein, nicht eine Fussnote.
Ihr Portfolio weist monumentale Projekte wie das kHaus in Basel und visionäre Vorschläge wie den Sion-Masterplan auf. Worauf konzentriert sich MIDERI zurzeit?
Wir verfolgen weiterhin grosse kulturelle und städtische Projekte, oft Hand in Hand mit Investoren oder in öffentlichen Wettbewerben, da dies die Arenen sind, in denen wir unsere Expertise in Resilienz auf urbaner Ebene und systemischem Denken anwenden können. Da wir nun aber fest in der Basler Architekturszene verwurzelt sind, kommen auch private Bauherren-schaften zu uns, die nach Signaturprojekten suchen. Wir sind im Grunde dabei, unsere Prinzipien der Umbauten und die Aufmerksamkeit für die Bewohnbarkeit von Räumen auf die häusliche Skala zu übertragen. Letztendlich ist eine kohärente Verbindung zwischen den Nutzenden und dem Gebäude nötig, um zukunftssichere Gebäude zu schaffen.
«Wir sind sanft, weil wir zuhören und zusammenarbeiten.
Gleichzeitig sind wir radikal in unserem Streben nach architektonischen Kernwerten.»
Bei der Recherche zu diesem Interview habe ich gelesen, dass Sie die Position eines Architekten als den des «Universalübersetzers» beschrieben haben. Erfordert dies nicht die Bewältigung einer enormen Komplexität der unterschiedlichen Interessengruppen, besonders in der Schweiz?
Ja, unsere Rolle besteht darin, mit allen Akteuren zu sprechen und die tiefste Vision der Bauherrschaft mit den Tausenden von technischen und regulatorischen Instrumenten zu synthetisieren. Diese Führung ist entscheidend für Investoren, die mit anspruchsvollen Vorschriften konfrontiert sind, oder für private Bauherren, die komplexe Sanierungen in Angriff nehmen. Wir übersetzen diese Komplexität so, dass die Konsequenzen jeder Entscheidung für die Bauherrschaft klar ersichtlich sind. Kurz gesagt: Wir sprechen kein «Architektisch», sondern Klartext.
Wie stellen Sie sicher, dass alle diese verschiedenen Interessengruppen – und die Bauherrschaft – während eines solch komplexen Prozesses aufeinander abgestimmt sind und informiert bleiben?
Der Mehrwert, den wir hinzufügen, ist nicht nur ästhetisch. Es ist die Lösung problematischer konstruktiver Details und die kompetente Anordnung von Haftungen und Regulierungen. Wir verwenden fortschrittliche 3-D-Renderings und aktuelle Modelle nicht nur als Marketinginstrumente, sondern als objektive Projektwerkzeuge. Jede Design-entscheidung wird zu einer informierten Entscheidung, weil das Bild eine gemeinsame Realität für Diskussionen schafft. Dies stellt sicher, dass Bauherrschaft, Bauunternehmen sowie Behörden sich über die Entscheidungen und deren langfristige Konsequenzen im Klaren sind, wodurch das Projekt radikal kohärent bleibt.
Dieses pragmatische und doch hochgradig prinzipielle Vorgehen nennen Sie «sanfte Radikalität». Was bedeutet das in der Praxis für eine Bauherrschaft mit grossen Träumen?
Es bedeutet, starke Ideen zu haben, die auf die richtige Weise gebaut werden, um bedeutungsvolle, lebendige Orte zu schaffen. Wir sind sanft, weil wir zuhören und zusammenarbeiten. Gleichzeitig sind wir in unserem Streben nach architektonischen Kernwerten aber auch radikal: Räume zu schaffen, die den Status quo herausfordern und die Vision der Bauherrschaft zu ihrem absoluten Potenzial führen. Dies ist die Art von innovativer Partnerschaft, die für visionäre Aufträge erforderlich ist.
Sie sagen, dass Ihre Arbeit zeitlich schwierig einzuordnen ist, womit Sie eine gewisse Zeitlosigkeit anstreben. Was verleiht einem Gebäude diese dauerhafte Qualität, und was bedeutet dies für die Zukunft des Basler Immobilienmarktes?
Wir hören den Stimmen der Vergangenheit zu, gekoppelt mit einer tiefen Aufmerksamkeit für zukünftige flexible Nutzungen. Wir sind an Architektur interessiert, die in 200 Jahren noch kulturell relevant sein wird. Dies ist die ultimative Nachhaltigkeit, und in einer starken, stabilen Region wie Basel sind wir zuversichtlich, dass unsere Projekte, indem sie sich auf diese langfristige Relevanz konzentrieren, den Markt konstant übertreffen und unverzichtbare, hochwertige Vermögenswerte bleiben werden. Dies ist letztendlich eine andere Art, kulturell relevant zu sagen.
Sie betonen oft, dass Architektur nicht starr sein darf. Wie übersetzen Sie diese Flexibilität in konkreten Mehrwert für einen Investor, der heute baut, aber die Bedürfnisse von morgen noch nicht kennt?
Wir entwerfen Gebäude als robuste und äusserst flexible Rahmenwerke, die Veränderung zulassen, statt sie zu verhindern. Im kHaus haben wir bewusst Räume geschaffen, die nicht bis ins letzte Detail vorprogrammiert sind. Diese «Offenheit» ist kein Mangel, sondern eine strategische Qualität: Sie erlaubt es dem Gebäude, Nutzungen aufzunehmen, die wir heute noch gar nicht vorhersehen können. Für einen Investor bedeutet das maximale Risikominimierung: Ein Gebäude, das sich anpassen kann, veraltet nicht. Es bleibt relevant, marktfähig und profitabel, egal wie sich die Gesellschaft wandelt.
Den Entwurf einer Zeichnung betiteln Sie als «approximativen Orbit», bei dem die Flugbahn langsam um das Problem herum angepasst wird, bis man die ideale Lösung erreicht, anstatt eines direkten Wegs, der oft in einem Absturz endet. Hängt dieser iterative Prozess mit dem Risiko zusammen, in den eigenen Ideen gefangen zu sein?
Absolut. Der Architekt war immer ein Generalist, aber langsam umgeben wir uns mit Vorschriften und Beratenden, die riskieren, uns in Spezialisten zu verwandeln. Doch leider denkt ein Spezialist nicht über fundamentale Fragen nach. Und oft erzeugt diese Hyperspezialisierung Rahmenbedingungen, in denen die-jenigen überleben, die eine grenzenlose Leidensfähigkeit haben, was keinen Sinn ergibt. Wenn wir eine Architektur der Verbundenheit anstreben, streben wir auch einen Beruf an, der Zeit zum Nachdenken gibt.
Demnach scheinen Sie eine Architektur ohne Datumsstempel oder Autoren-Markenzeichen anzustreben – stattdessen soll sie im Laufe der Zeit Bedeutung aus der Welt um sie herum aufnehmen. Welche Gründe haben Sie hierfür?
Weil ich nicht lediglich an den nächsten 15 Minuten interessiert bin. Mein Fokus ist definitiv auf die Art Architektur gerichtet, die auch in 200 Jahren noch kulturell relevant sein wird. Das ist für mich die Reinform einer ultimativen sowie nachhaltigen Architektur.