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Die Zukunft braucht mehr Carlos

Die Fussball-Weltmeisterschaft ist vorbei. Geblieben sind Tore, Emotionen und natürlich die unvermeidlichen Experten, die schon vor dem ersten Anpfiff genau wussten, wer Weltmeister wird.

Mich beschäftigt ein anderes Bild: Vinícius Junior sitzt nach dem Ausscheiden gegen Norwegen frustriert und mit leerem Blick auf dem Rasen. Carlo Ancelotti kommt zu ihm, streckt ihm die Hand hin und hilft ihm auf die Beine. Keine Taktiktafel. Keine Analyse. Kein Vortrag. Einfach eine ausgestreckte Hand. Genau dieses Bild hatte ich in den letzten Wochen immer wieder vor Augen, wenn ich Diskussionen über künstliche Intelligenz verfolgte. Denn hört man manchen Prognosen zu, müssten Führungskräfte bald überflüssig sein. Entscheidungen trifft die KI. Analysen macht die KI. Präsentationen erstellt die KI. E-Mails schreibt die KI. Bleibt eigentlich nur noch die Frage, wer dem CEO irgendwann die Kündigung überbringt.

Ich sage aber: Genau das Gegenteil ist der Fall. Je mehr KI in Unternehmen Einzug hält, desto wichtiger wird der Mensch. Technologie löst Probleme. Menschen lösen Unsicherheit. Und Unsicherheit gibt es derzeit reichlich. Viele Mitarbeitende fragen sich nicht, ob KI einen Bericht schneller schreiben kann. Sie fragen sich, ob ihre Erfahrung künftig noch zählt. Ob sie mithalten können. Ob sie morgen noch gebraucht werden. Genau dort beginnt Führung. Nicht als Kontrollinstanz. Nicht als Oberexperte für jeden neuen Technologietrend. Sondern als Enabler. Als jemand, der Orientierung gibt, Vertrauen schafft und Menschen befähigt, sich zu entwickeln.

Die vielleicht grösste Fehlannahme unserer Zeit lautet, dass KI vor allem technische Herausforderungen schafft. Tatsächlich schafft sie vor allem menschliche Herausforderungen. Die meisten Transformationsprojekte scheitern nicht an der Software. Sie scheitern an Unsicherheit, Widerständen und mangelnder Orientierung. Oder anders gesagt: Die Technik funktioniert allein oft besser als die Menschen miteinander. Und dadurch verbreitet sich der Irrtum, dass das Individuum dank KI allein effizienter als das Team ist. Dem Individualismus wird somit weiter Vorschub geleistet. Der Weltmeister Spanien liefert dazu ein interessantes Beispiel: Trainer Luis de la Fuente spricht konsequent von seiner Mannschaft als Familie. Er setzt auf Charakter, Teamgeist und Zusammenhalt statt auf Status und Ego. In einer Welt, die von Individualisierung geprägt ist, hat ausgerechnet ein Team gewonnen, das Gemeinschaft über Selbstdarstellung stellt.

Vielleicht sollten wir daraus auch für Unternehmen etwas lernen. Denn während wir Milliarden in künstliche Intelligenz investieren, sparen wir manchmal genau dort, wo der grösste Hebel liegt: bei Führung, Kultur und Vertrauen. KI kann Daten analysieren. Aber sie kann keinem Mitarbeitenden Mut machen. KI kann Muster erkennen. Aber sie kann keine Zuversicht vermitteln. KI kann Antworten liefern. Aber sie kann niemandem die Hand reichen, wenn er gerade am Boden sitzt.

Darum glaube ich, dass die entscheidende Managementfrage der nächsten Jahre nicht lautet: «Wie viel Führung wird durch KI ersetzt?» Sondern: «Welche Führung wird durch KI unverzichtbar?» Für mich ist die Antwort klar: Die Führungskraft der Zukunft wird weniger kontrollieren, dafür mehr befähigen. Weniger Anweisungen geben, dafür mehr Orientierung schaffen. Weniger Chef sein, dafür mehr Mensch. Die Unternehmen mit der meisten KI werden nicht automatisch gewinnen.

Gewinnen werden die Unternehmen, die Technologie konsequent nutzen und gleichzeitig verstehen, dass der Mensch keine Ressource, sondern der eigentliche Wettbewerbsvorteil ist. Oder kurz gesagt: Die Software wird intelligenter. Die Führung muss menschlicher werden. Und genau darin liegt die vielleicht grösste Chance unserer Zeit. 

Deshalb sage ich: mehr Carlos bitte! 

Andreas Breschan ist CEO der Hörmann Schweiz AG.
www.hörmann.ch

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