Das Aufkommen «moderner» Baumaterialien wie Beton, Stahl und Glas verwies Holz Anfang des 20. Jahrhunderts in eine Nische. Die letzten Jahrzehnte haben den nachwachsenden Baustoff unter einer Vielzahl von Einflüssen jedoch Schritt um Schritt wiederentdeckt und das Bauen mit Holz in jüngster Zeit zu neuer Blüte gebracht.
Autor: Michael Meuter
Fast ein Drittel der Schweizer Landesfläche ist Wald. Entsprechend zahlreich sind in vielen Regionen die Zeugen einer alteingesessenen Holzbaukultur. Vielfältig ausdifferenzierte Bauern- und Wohnhäuser in Holzbauweise fallen ebenso ins Auge wie oft staunenswert konstruierte und mitunter prachtvoll ausgestaltete Brücken als Zeugnisse hoher Zimmermannskunst früherer Zeit. Der Fremdenverkehr profitiert von der Pflege der traditionellen Baukultur. Orte wie Vrin im bündnerischen Lugnez oder Commeire im Wallis erhalten ihr Holzbau-Erbe bewusst integral und entwickeln es sorgfältig weiter.
Zeugen der Holzbau-Vergangenheit haben sich über viele Jahrhunderte auch in den Städten erhalten. In den alten Kernen erinnern schöne alte Fachwerkhäuser an eine Zeit, als Holz auch hier das Bauen prägte. Das Städtchen Werdenberg im Rheintal blieb wie durch ein Wunder vor Brand und Zerstörung bewahrt und zeigt zusammen mit seinem Schloss noch heute ein mittelalterliches Holz-Ensemble.
Bis gegen Mitte des 19. Jahrhunderts blieb der Holzbau in der Schweiz ein prägendes Element der Baukultur. Beim Stöbern in den Annalen des Holzbaus erfährt man, dass damals der allgegenwärtige Schweizer Holzbaustil nicht nur im ganzen Land beliebt, sondern auch ein international vermarkteter Renner war. Das «Schweizerhaus» war ein eigentlicher Exportschlager – hergestellt wurde es in regelrechten Fabriken.
Doch die heutigen städtischen Räume und ihre Agglomerationen zeigen sich seit Generationen weithin steinern. Der einst überall in Form von Häusern, Hallen, Brücken prominent vertretene Holzbau ist im Baugeflecht des 20. Jahrhunderts kaum mehr sichtbar. Erst seit kurzem entstehen besonders im urbanen Umfeld wieder mehrgeschossige, grossvolumige Holzbauten als unübersehbare Zeichen einer neu erworbenen Geltung des nachwachsenden Rohstoffes. Wie ist es zu diesem Dasein des Materials Holz im Schatten der Moderne gekommen, das bis vor wenigen Jahrzehnten andauerte – und worauf gründet seine Renaissance?
Aus der Entwicklung gefallen
Noch im 18. Jahrhundert fanden sich in den Städten häufig Riegelbauten und Holzbalkendecken. Da ohne Abstand und ohne trennende Brandabschnitte in Häuserketten gebaut wurde, führte der Ausbruch von Feuer oft zu verheerenden Schäden. Deshalb wurde Holz, dessen Brennbarkeit man in den traditionellen Bauweisen nur bedingt zu beherrschen vermochte, allmählich aus dem urbanen Raum verbannt.
Noch beschleunigt wurde dieser Vorgang dadurch, dass Holz im Übergang zur Moderne den Anschluss an die Industrialisierung verpasste. Die aufkommende Massenproduktion zur Befriedigung der Bedürfnisse einer rasant wachsenden Bevölkerung verlangte nach konstanten Materialeigenschaften, standardisierten Produkten und reproduzierbaren Bauverfahren. Das konnte der Baustoff Holz mit der breiten Streuung seiner natürlichen Eigenschaften damals nicht bieten.
Stahl und Beton überrundeten das ehemals so erfolgreiche Holz unter diesen Vorzeichen innert Kürze. Die jetzt auch zu vertretbaren Kosten über weite Strecken transportierbaren neuen Materialien wurden zu eigentlichen Grundstoffen in den Händen einer jungen Generation von Architekten, während der Holzbau in Nischen verwiesen wurde. Traditionelle Chalets, landwirtschaftliche Zweckbauten, vor allem aber Einfamilienhäuser waren über viele Jahre das Geschäft des Holzbaus – im «grossen» Baugeschehen, in der «richtigen» Architektur führte Holz dagegen ein Mauerblümchendasein.

© Corinne Cuendet, Clarens / LIGNUM
Interesse für Natur und Umwelt lancieren Holz neu
Die Ausganglage für Holz änderte sich erst wieder ab etwa 1980. Die Erdölkrise machte den Industrieländern in den siebziger Jahren zum ersten Mal bewusst, dass Energie vielleicht nicht für immer zu einem Spottpreis zu haben sein würde. Die achtziger Jahre entdeckten zugleich den Umweltschutz. Die Allgemeinheit begann die Bedeutung der natürlichen Umgebung für den Menschen zu verstehen und sie als System zu begreifen. Das neuartige Konzept der Nachhaltigkeit – heute oft nurmehr eine inflationär verwendete Leerformel, im Brundtlandt-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen aber echtes gedankliches Neuland – fasste das neue Bewusstsein in ein Denkmodell, das bahnbrechend wurde.
Unter dem neuen Paradigma der Nachhaltigkeit erschien der nachwachsende, CO2 speichernde und in Europa aus nachhaltig betriebener Waldwirtschaft gewonnene Rohstoff Holz, den die «Solarfabrik Wald» ohne Zufuhr von Fremdenergie bereitstellt, plötzlich wieder in einem ganz neuen Licht. Energetisch vorbildliche Bauten aus dem ökologischen Material wurden zum Aushängeschild einer ganzen «grün» bewegten Generation sowie zum Manifest einer Lebensweise, die umweltbewusste Ganzheitlichkeit suchte.
Das Postulat, Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt auszutarieren, ist seit dem Erdgipfel von Rio 1992 fester Bestandteil des öffentlichen Diskurses in der Schweiz. 2002 wurde die mächtige Holzkugel des «Palais de l’Equilibre», in welcher der Bund an der Expo.02 zusammen mit der Schweizer Wald- und Holzwirtschaft Sinn und Elemente einer nachhaltigen Entwicklung darstellte, mit 1.9 Millionen Besuchern zur meistbegangenen Schau der ganzen Landesausstellung.
Erst seit kurzem entstehen besonders im urbanen Umfeld wieder mehrgeschossige, grossvolumige Holzbauten als unübersehbare Zeichen einer neu erworbenen Geltung des nachwachsenden Rohstoffes.
Neuer Blick auf ein altbekanntes Material
Doch auch die Architekten nahmen das lange übergangene Material fast von einem Tag auf den anderen mit frischen Augen wahr. Ab Ende der achtziger Jahre präsentierten eine ganze Reihe hervorragender Gestalter der Schweizer Architekturszene aufregende neue Projekte, die überzeugend nachwiesen, dass sich mit Holz hochwertig und auf absolut zeitgenössische Weise gestalten liess. Dieser Windstoss befreite den Baustoff auf einen Schlag vom Staub seiner jüngeren Geschichte.
Dies gelang umso besser, als das Bauen mit Holz immer mehr zu einem eigentlichen Zukunftslabor des Bauwesens wurde. Ab den achtziger Jahren jagten sich die Materialentwicklungen ebenso wie die Verarbeitungsmethoden. Es entstanden innovative Vollholzprodukte moderner Machart und eine Palette leistungsfähiger neuer Holzwerkstoffe im Baubereich, wobei auch bereits früher vorgeschlagene Neuerungen wie etwa die heute stark verbreitete Grobspanplatte OSB (Oriented Strand Board, erfunden bereits 1963) endlich in ihrer Leistungsfähigkeit erkannt wurden. Der Computer hielt umfassend Einzug im Bauen mit Holz: von der Planung bis zur Vorfertigung der Bauteile, die sich immer mehr in die Werkhalle verlagerte. Das einstige reine Handwerk verwandelte sich mehr und mehr in eine von der Digitalisierung durchdrungene Industrie. 1988 gelangte ein revolutionäres CAD auf den Markt, das dreidimensionales Arbeiten zuliess. 1989 wurde die erste CNC-gesteuerte Bearbeitungsmaschine für Holzbauteile in Betrieb genommen.
Mit einer ersten Generation speziell für den baulichen Einsatz von Holz ausgebildeter Ingenieure wuchs die Holzbaubranche Anfang der neunziger Jahre zu einem der innovativsten und leistungsfähigsten Zweige der Bauwirtschaft heran. Die Systembauweise war als Königsweg des modernen Holzbaus erkannt und entwickelte sich kontinuierlich weiter zu einem ganzheitlichen Konzept für das Gebäude. Aber für einen neuen Aufschwung von Holz am Markt fehlte noch ein zentrales Element: der Zugang zu grossen Volumen.
Brandsicherheit als letztes Hindernis
Der grösste Hemmschuh dafür lag im Brandschutz. Zwei Geschosse plus Dachausbau – so lautete bis zum Ende des Jahres 2004 in der Schweiz die Obergrenze für die bauliche Nutzung von Holz. Das Material blieb so neben der Verwendung für Innenausbau und Möbel auf den Massstab des Einfamilienhauses und anderer Kleinbauten beschränkt.
Zwar wurden bereits ab etwa 1980 lineare Holzbauteile mit Feuerwiderständen klassierbar, und ab 1993 wurde der Holzeinsatz für flächige, brandabschnittsbildende Bauteile möglich. Doch es brauchte noch mehr als zehn Jahre Forschung und Entwicklung in einem grossen Verbund weit über die Holzbranche hinaus, bis sich die Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen 2005 in der Lage sah, erstmals Holz für Bauten bis zu sechs Geschossen Höhe freizugeben. Damit kam der Durchbruch für Holz in der Schweiz. Das Material nimmt seither wieder als vollwertiger Partner an der Gestaltung des städtischen Raums teil.
Der mehrgeschossige Holzbau hat sich seit dem Quantensprung von 2005 etabliert. Hinsichtlich Neubauten von Mehrfamilienhäusern besetzt die Holzbauweise zwar mit mittlerweile knapp 10 Prozent Marktanteil immer noch erst eine Nische – sie hat aber den Marktanteil seit 2005 ungefähr verdreifacht. Seither kann man von einem eigentlichen Holzbau-Boom sprechen. Die erreichten Dimensionen sind eindrücklich: Derzeit werden etwa im Grossraum Zürich laufend Objekte mit mehreren hundert Wohneinheiten realisiert.
Das Segment Mehrfamilienhäuser wies 2011 bereits den grössten Holzbedarf des Baubereichs auf. Jedes Jahr werden mittlerweile Hunderte Baugesuche für mehrgeschossige Bauten mit Holzkonstruktionen eingereicht, immer öfter auch in Mischbauweisen unter Verwendung von Holz. Auch bei An- und Umbauten von Mehrfamilienhäusern wird Holz ganz klar immer beliebter. Sein Marktanteil an den Tragkonstruktionen liegt in diesem Segment mittlerweile bei fast 30 Prozent und ist damit ebenfalls stürmisch gewachsen.
© Maris Mezulis
Bannerträger der 2 000-Watt-Gesellschaft
In Bezug auf die seit 2005 noch bestehenden Einschränkungen im Brandschutz hat Holz 2015 einen weiteren grossen Schritt gemacht: Es normalisiert sich unter den seither geltenden Brandschutzvorschriften als Baustoff ohne Sonderregelung. Neu kann Holz in allen Gebäude-kategorien und Nutzungen angewendet werden. Brandschutztechnisch robuste, mit nichtbrennbaren Platten geschützte Holzbauteile sind neu der nichtbrennbaren Bauweise gleichgestellt. Bis zu einer Gesamthöhe von dreissig Metern können jetzt Wohn-, Büro- und Schulhäuser, Industrie- und Gewerbebauten, Beherbergungsbetriebe oder etwa Verkaufsgeschäfte in Holzbau realisiert werden. Sogar für Hochhäuser (Gebäude über 30 Meter Höhe beziehungsweise über 22 bis 30 Meter je nach genauer Definition) ist der Einsatz von Holz für tragende und brandabschnittsbildende Bauteile ebenfalls bis zu einer Gesamthöhe von 100 Metern unter bestimmten, strengen Rahmenbedingungen und Zusatzkonzepten (wie Sprinklerung und speziellen Kapselungen) zulässig.
Mit seinen erstaunlichen Produkt- und Prozessinnovationen definiert der Holzbau heute das Spitzenfeld der Baubranche. Der energieeffiziente und klimafreundliche, nachhaltig bereitgestellte Baustoff Holz erweist sich als das Material der Wahl, um die Vision der 2000-Watt-Gesellschaft umzusetzen. Gefragt ist dabei insbesondere auch die Leistungsfähigkeit des Holzbaus zugunsten der intelligenten Verdichtung und der energetischen Ertüchtigung des Bauwerks Schweiz.
Die neue Geltung von Holz zeigt sich am schönsten darin, dass es das High-Tech-Material geschafft hat, zum Imageträger zu werden. Paradebeispiele dafür sind der international beachtete siebengeschossige Tamedia-Neubau in Zürich von Pritzker-Preisträger Shigeru Ban, das Hortus in Allschwil von Herzog & de Meuron oder das Holzhybrid-Hochhaus H1 im Zwhatt-Areal in Regensdorf.
www.lignum.ch
Michael Meuter ist Verantwortlicher Information von Lignum, Holzwirtschaft Schweiz im Ruhestand
Infos zu Holz
Kostenlose Auskunft: Unter Tel. 044 267 47 83 oder hotline@lignum.ch gibt es bei Lignum, Holzwirtschaft Schweiz, der Dachorganisation der Schweizer Wald- und Holzwirtschaft, von Montag bis Donnerstag jeweils morgens von 8 bis 12 Uhr kostenlos Auskunft zu allen Fragen rund um Holz. Die Website der Organisation bietet ausführliche und neutrale Information zu Holz und Holzbau.
Über Lignum, Holzwirtschaft Schweiz
Lignum, Holzwirtschaft Schweiz ist die Dachorganisation der Schweizer Wald- und Holzwirtschaft. Sie vereinigt sämtliche wichtigen Verbände und Organisationen der Holzkette, Institutionen aus Forschung und Lehre, öffentliche Körperschaften sowie eine grosse Zahl von Architekten und Ingenieuren. Dazu kommen 18 regionale Arbeitsgemeinschaften. Lignum vertritt in allen Landesteilen der Schweiz eine Branche mit rund 90’000 Arbeitsplätzen von der Waldwirtschaft über Sägerei und Holzwerkstoffproduktion, Handel, Zimmerei, Schreinerei und Möbelproduktion bis zum Endverbraucher von Holz.