Autor: Andreas Breschan
Die Chinesen nannten ihr Reich einst das «Land der Mitte». Nicht zufällig: Die Mitte galt als Ort der Stabilität. Dort wurde vermittelt, organisiert, zusammengehalten. Nicht ganz oben auf dem Kaiserthron. Nicht draussen an den Grenzen. Sondern dazwischen.
Ich glaube manchmal, viele Unternehmen könnten von diesem Gedanken gerade heute etwas lernen. Es gibt derzeit einen Job in Schweizer Unternehmen, den irgendwie alle wichtig finden, aber niemand mehr wirklich machen will: das Middle Management.
Es scheint, die eigentliche Krise vieler Firmen sitzt heute nicht an der Spitze. Sie sitzt in der Mitte. Dort, wo früher Führungskräfte Entscheidungen übersetzten und den Laden zusammenhielten. Der Abteilungsleiter – in Zeiten agiler Führung zwischenzeitlich zum Unwort verkommen – war der Kapitän auf der Brücke. Heute wirkt er oft eher wie der Animateur auf einem Kreuzfahrtschiff bei schwerem Seegang: oben Druck, unten Erwartungen und dazwischen die Pflicht, bitte jederzeit motivierend zu lächeln – und bloss keine Autorität auszuüben. Und so sitzen heute im «Reich der Mitte» oft Menschen, die gleichzeitig Motivator, Konfliktmanager, Controller, Projektleiter, Psychologe und Blitzableiter sein sollen. Kurz gesagt: Die Mitte brennt.
Oben heisst es: «Wir müssen agiler werden.» Unten: «Bitte mehr Stabilität.» Oben: «Mehr Eigenverantwortung!» Unten: «Wer entscheidet das jetzt eigentlich?» Middle Manager sollen heute Unternehmer im Unternehmen sein. Strategisch denken. Menschen entwickeln. Zahlen liefern. Veränderung treiben. Teams inspirieren. Konflikte lösen. Digitalisierung vorantreiben. Und natürlich empathisch führen. Am besten alles gleichzeitig. Und bitte bis Freitag. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass immer mehr gute Fachkräfte heute sagen: «Danke, aber Führung muss ich mir nicht antun.»
Vielleicht müssten wir uns ehrlich fragen, ob wir Führung noch attraktiv genug machen. Denn gute Führung entsteht nicht durch Organigramme oder Leadership-Seminare mit Wald-spaziergang und Klangschale. Gute Führung entsteht dort, wo Verantwortung tatsächlich mit Vertrauen verbunden wird. Und vielleicht liegt genau dort unser Denkfehler. Wir sprechen ständig über Empowerment – aber gleichzeitig wächst die Angst vor Fehlern. Wer aber jede Entscheidung absichern muss, führt irgendwann nicht mehr. Er verwaltet nur noch Risiko. Dabei wäre die Mitte heute wichtiger denn je. In der chinesischen Geschichte gibt es ein spannendes Bild: Die Grosse Mauer wurde nicht primär durch den Kaiser geschützt. Entscheidend waren die lokalen Kommandanten entlang der Grenzregionen. Sie mussten Situationen selbst einschätzen, schnell handeln und Verantwortung übernehmen – oft weit entfernt vom Zentrum der Macht.
Wie lässt sich dies auf moderne Führung übertragen? Nicht jede Entscheidung kann und soll im Sitzungszimmer ganz oben entstehen. Gerade in dynamischen Märkten braucht es Menschen in der Mitte, die eigenständig handeln können – und dürfen. Dafür müssen wir allerdings aufhören, unsere mittlere Führungsebene gleichzeitig zu kontrollieren und zur unternehmerischen Freiheit zu ermahnen. Beides zusammen funktioniert ungefähr so gut wie Baustellenverkehr ohne Gegenfahrbahnregelung.
Was hilft also? Weniger operative Überlastung durch Mikromanagement, dafür definierte Freiräume mit klaren Regeln, wie diese genutzt werden sollen. Das wäre ein Anfang. Denn Vertrauen bedeutet nicht delegierte Kontrolle mit freundlicher Formulierung. Dann gilt es, die Arbeit der Mitte wertzuschätzen und zu honorieren. Und zuletzt müssen wir Führung wieder stärker als Handwerk verstehen. Nicht als Titel. Nicht als Organigramm. Sondern als Fähigkeit, Orientierung zu geben, Entscheidungen zu treffen, zu Entscheidungen zu befähigen und auch unter Druck ruhig zu bleiben.
Die Mitte war historisch nie der bequemste Ort. Aber meistens der entscheidende. Denn zwischen Strategiepapier und Baustelle entscheidet sich letztlich nicht, was beschlossen wurde. Sondern was tatsächlich funktioniert.
Deshalb sage ich: ein Hoch auf das Land der Mitte!


