Ein Zürcher Projektentwickler präsentierte mir kürzlich stolz seine neue Überbauung. Minergie-P zertifiziert. SNBS-geprüft. Nachhaltig, versteht sich. Auf dem Hochglanzprospekt prangte ein sattgrünes Blatt. Im Kleingedruckten: Das Fundament besteht aus 4 800 Tonnen Armierungsbeton. Kein Wort dazu, wie lange die Erstellung diese CO₂-Bilanz belastet. Kein Wort zu den Transportwegen der Fassadenelemente aus Fernost. Kein Wort zur geplanten Nutzungsdauer. Willkommen im Zeitalter des grünen Etiketts.
«Nachhaltigkeit ist das neue Schwarz. Jeder trägt es. Kaum jemand wohnt darin.»
Das Label-Labyrinth
Minergie. Minergie-P. Minergie-A. Minergie-ECO. SNBS. LEED. BREEAM. SméO. Die Schweizer Baubranche ertrinkt in Nachhaltigkeitszertifikaten – und der Bauherr soll den Überblick behalten. Jedes Label misst etwas anderes, priorisiert andere Kriterien, lässt andere Lücken zu. Ein Gebäude kann das eine Label tragen und trotzdem in der Erstellung massiv CO₂ emittieren. Es kann energieeffizient betrieben werden und gleichzeitig mit Materialien gebaut worden sein, die in 20 Jahren auf der Deponie landen. Das ist kein Versagen einzelner Labels. Es ist das Versagen eines Systems, das Komplexität mit Zertifikaten zu ersetzen versucht.
Wer lügt sich was vor?
Stellen wir uns einen Neubau vor: Ein Investor wirbt mit «klimaneutralem Wohnen». Der Architekt hat Recyclingbeton im Erdgeschoss eingebaut und verweist auf etlichen Seiten seiner Dokumentation darauf. Die Generalunternehmerin kommuniziert «nachhaltigen Bauprozess» – gemeint ist eine Solarpanel-Ladestation auf dem Baustellenparkplatz. Und der Käufer unterschreibt beruhigt, überzeugt, er tue das Richtige. Alle vier lügen sich etwas vor. Keiner mit bösem Willen, aber alle mit dem gleichen Resultat: ein Gebäude, das grün wirkt und es nur in Teilen ist.
Seit dem 1. Januar 2025 ist Greenwashing in der Schweiz nach Art. 3 Abs. 1 lit. x UWG übrigens gesetzlich verboten: Wer Angaben über die Klimabelastung seiner Leistungen macht, muss diese objektiv und überprüfbar belegen können. Beweislastumkehr. Die Baubranche hat das weitgehend ignoriert.
Was echte Nachhaltigkeit kostet
Ein Gebäude ist dann wirklich nachhaltig, wenn man die gesamte Lebensdauer betrachtet: Erstellung, Betrieb, Rückbau. Graue Energie, also die Energie, die in Baustoffen steckt, bevor der erste Mieter einzieht, macht bei einem Neubau bis zu 50 Prozent der gesamten Lebenszyklusemissionen aus. Darüber redet niemand auf dem Hochglanzprospekt. Echte Nachhaltigkeit ist teurer, komplexer und lässt sich schlecht auf ein Blatt reduzieren. Sie verlangt unbequeme Entscheidungen: weniger Beton, mehr Holz, mehr Verzicht auf Flächenverbrauch, sanieren statt abreissen. Das schmerzt – beim Budget, beim Zeitplan, beim Ego.
Der Appell
Ich fordere keine Abschaffung der Labels. Ich fordere Ehrlichkeit. Von Investoren, die mehr wollen als ein Marketingargument. Von Architekten, die den Mut haben, Schwachstellen offen zu kommunizieren. Von Politikern, die nicht jeden Neubau als «grün» abnicken, solange ein Panel auf dem Dach sitzt. Und von uns allen, die wir aufgehört haben zu fragen: Was bedeutet das eigentlich – nachhaltig?
Ein grünes Blatt auf dem Deckblatt beantwortet diese Frage nicht.
Dominik Mahn ist Gründer und CEO der smartconext Group AG.
Als Innovationstreiber schlägt er die Brücke zwischen traditionellem
Baugewerbe und modernster Technologie. Dabei versteht sich die smartconext Group weit über eine Akquise-Plattform hinaus als ganzheitliches Technologieunternehmen: Die Unternehmen der smartconext Group entwickeln unter anderem individuelle Automatisierungs-
und Prozesslösungen für Unternehmen aus dem Bauhaupt- und Nebengewerbe. Durch den gezielten Einsatz von Machine Learning und Robotic Process Automation revolutioniert Mahn die datenbasierte Wertschöpfungskette der Branche und gilt als gefragter Vordenker und Speaker für die digitale Transformation im Bau- und Handwerkssektor.
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