Die Gebäudehülle spielt eine Schlüsselrolle, wenn es darum geht, die Nachhaltigkeit von Bestandsbauten zu erhöhen. Silvia Gemperle, Energiestrategin, und Arthur Müggler, Zentralpräsident von Gebäudehülle Schweiz, geben detaillierte Einblicke in die Chancen und Visionen ihrer Branche – und zeigen auf, wie der Verband als Lenkungsorgan die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit seiner Mitglieder fördert.
Interviewpartner: Silvia Gemperle und Arthur Müggler
Bilder: Gebäudehülle Schweiz
Autor: Matthias Mehl
Frau Gemperle, Herr Müggler, früher lag der Fokus schlicht auf dem «dichten Dach» – heute ist die Gebäudehülle ein komplexes Energiesystem. Wie hat diese Transformation die Anforderungen an die klassischen Dachdecker-Kompetenzen verändert?
Arthur Müggler: Nun, selbstverständlich sollten Dächer auch heute noch in erster Linie dicht sein (lacht). Das ist schliesslich das Fundament unseres Handwerks. Doch wir haben in der Tat das enorme Potenzial der gesamten Gebäudehülle bereits vor 40 Jahren erkannt. Dementsprechend hat sich das Berufsfeld des Dachdeckers über die Jahrzehnte massiv erweitert. Wir von Gebäudehülle Schweiz haben diese Transformationsreise Schritt für Schritt begleitet und uns als Verband stets aktiv in Normkommissionen eingebracht. Die Ergebnisse können sich sehen lassen – und gleichzeitig bleibt nach wie vor viel zu tun. Früher galt etwa die Devise, dass 100 Millimeter Dämmung durchaus ausreichen oder gar keine Isolierung notwendig sei. Heute betrachten wir solche Bauten sowie ihre Altlasten als grosse Herausforderung im Gebäudepark, die wir mit modernem Know-how auf einen neuen Stand bringen müssen. In den letzten drei bis fünf Jahren kam der Solarbereich als massive Säule unserer Arbeit hinzu. Als Branchenverband legen wir daher grossen Wert darauf, dass unsere Mitglieder Solarlösungen aktiv verbauen. Unsere Kernkompetenz war und ist die äussere Hülle von Gebäuden – wir haben uns hier konsequent weiterentwickelt.
Silvia Gemperle: Die Entwicklung der Branche erachte ich als beeindruckend. Bereits 1988 gab es die erste SIA-Empfehlung: Damals rückten der winterliche Wärmeverlust und später der sommerliche Hitzeschutz in den Fokus. Seit etwa zehn Jahren dominiert die Kombination aus Gebäudehülle und Photovoltaik (PV) die Branche. Unsere Position ist klar: Zu jedem modernen Dach gehört heute eine PV-Anlage. Das ist eine neue Kernkompetenz unserer Unternehmen geworden. Wir haben die notwendigen technischen Schnittstellen gelöst und bieten den Kunden heute ein echtes «Rundum-sorglos-Paket» an. Aber wie Arthur Müggler korrekt betont: Es bleibt noch viel zu tun.
Sie haben die Altlasten im Gebäudepark angesprochen. Deren Auflösung ist für die Energiestrategie 2050 zentral, was wiederum eine Steigerung der Sanierungsrate bedingt. Wie stellt der Verband sicher, dass die Branche diese Projekte bewältigen kann?
Arthur Müggler: Das ist zweifellos eine Herausforderung. Einen Fokus legen wir darum auf die Gewinnung neuer Talente. Aus- und Weiterbildung sind hierfür ebenso zentral wie die Akquise von Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern, die eine sinnstiftende Tätigkeit suchen. Um diese anzusprechen, erhöhen wir die Sichtbarkeit unserer Berufe massiv – nicht nur, um Kundinnen und Kunden zu gewinnen, sondern auch, um Lernende und Fachkräfte zu begeistern. Wir haben Programme entwickelt, um Menschen auf jeder Stufe den Brancheneinstieg zu ermöglichen. In Zeiten einer sinkenden Bevölkerung müssen wir den Bedarf auch über gezielte Zuwanderung decken. Entscheidend ist dabei der Stolz auf das Handwerk: Wir sprechen Menschen an, die etwas Sinnvolles tun möchten. Der Grossteil unserer über 700 Mitglieder hat das verstanden. Dennoch braucht es auch die Bereitschaft der Kunden, diese Erneuerungen anzugehen.
Silvia Gemperle: Erfreulicherweise kann sich die Erneuerungsrate im Bereich «Dach» durchaus sehen lassen. Datenauswertungen zeigen, dass momentan vor allem Bauten aus den 60er- und 70er-Jahren saniert werden, was Sinn ergibt. Unsere Betriebe fungieren heute als versierte Gesamtanbieter. Sie sind komplexer aufgestellt denn je – so sind bereits 150 Expertinnen und Experten aus unseren Reihen auch in der Energieberatung tätig.
Welchen entscheidenden Beitrag für die Klimaziele leistet die optimierte Gebäudehülle im Vergleich zu reinen Heizungswechseln?
Silvia Gemperle: Die Rolle einer exzellenten Gebäudehülle ist fundamental: Sie sorgt für einen tiefen Wärme-bedarf, was direkt die Betriebskosten senkt. Und nur mit einer effizienten Hülle können Wärmepumpen optimal und wirtschaftlich betrieben werden. Wir müssen das Gesamtsystem betrachten, um die Ziele der Energiestrategie 2050 zu erreichen. Hülle und Technik gehören untrennbar zusammen – dafür haben wir einen sogenannten «Königsweg» definiert. Dieses Instrument dient unseren Unternehmen als klare Leitlinie für die Kommunikation. Studien, die wir gemeinsam mit einer Fachhochschule durchgeführt haben, belegen zudem den enormen Impact der Gebäudehüllen auf die Winterstromversorgung. Ein erneuertes Gebäude in Kombination mit einer Wärmepumpe entlastet das Netz in den kritischen Monaten massiv. Dabei gilt: Wenn man erneuert, dann richtig und umfassend! Es herrscht noch zu wenig Bewusstsein darüber, dass die Energieziele 2050 nur mit höchster Effizienz erreichbar sind.
«Die Rolle einer exzellenten Gebäudehülle ist fundamental: Sie sorgt für einen tiefen Wärmebedarf, was direkt die Betriebskosten senkt.»
Silvia Gemperle, Leiterin Energiestrategie
Wo liegen aktuell die grössten Schmerzpunkte Ihrer Mitgliedsfirmen?
Arthur Müggler: Unsere Betriebe leisten an der Front hervorragende Arbeit. Die Sorgen liegen eher auf der gesamtpolitischen Ebene sowie in der zunehmenden Regulatorik. Wir als Verband sind hier sehr aktiv, um die Interessen zu wahren. Unsere Mitglieder sind Vollbluttechnikerinnen und -techniker – sie benötigen Rahmenbedingungen, die es ihnen erlauben, ihre Arbeit gut zu machen. Darum bestehen unsere technischen Kommissionen aus Fachleuten der Branche, die echte Frontbedürfnisse adressieren. Diese Nähe zur Praxis schafft eine klassische Win-win-Situation.
Silvia Gemperle: Absolut. Die Merkblätter unserer technischen Kommissionen sind für die Mitglieder enorm wertvoll. Ein grosser Schmerzpunkt bleibt jedoch, dass viele Prozesse und Abläufe – gerade bei kleineren Bauvorhaben – zu langwierig und kompliziert sind. Hier setzen wir uns für stabile und einfache Rahmenbedingungen ein.
«Unsere Kernkompetenz war und ist die äussere Hülle von Gebäuden – wir haben uns hier konsequent weiterentwickelt.»
Arthur Müggler, Zentralpräsident
Welche technologischen Innovationen begeistern Sie derzeit am meisten?
Silvia Gemperle: Mich fasziniert aktuell die neue Vielfalt und Qualität bei den Solarpanels – vor allem in der Farbigkeit und bei den Materialien. Die Produkte sind effizienter geworden, die Farbpaletten enorm gewachsen und die Verarbeitungsmöglichkeiten vielfältiger. Dank unserer Industriepartner passiert optisch gerade extrem viel Spannendes. Das erfordert natürlich eine ständige Weiterbildung, um hier am Ball zu bleiben, aber der Gewinn für die Baukultur ist riesig.
Arthur Müggler: Nebst der Technik begeistert mich auch die gegenseitige Inspiration innerhalb der Branche. Unsere Mitglieder beflügeln sich untereinander mit Ideen und unterstützen sich. Dieser Zusammenhalt ist eine enorme Triebfeder für Innovationen.
Apropos Dächer: Die Begrünung ist hier ebenfalls ein wichtiges Thema. Wie tief ist das Bewusstsein für Konzepte wie die «Schwammstadt» bereits verankert?
Silvia Gemperle: Begrünungen sind bei Flachdächern ja seit den 90er-Jahren Standard und oft auch vorgeschrieben. Unsere Firmen wissen, wie wichtig es ist, Regenwasser zurückzuhalten und durch Pflanzen die Biodiversität zu fördern (Schwammstadt-Prinzip). Wir gehen hier nun einen Schritt weiter, indem wir Kurse und Merkblätter zu spezifischen Anforderungen anbieten. Und während die Begrünung an der Fassade noch ein Nischenthema ist, wird sie von unseren Mitgliedern dennoch vermehrt angeboten. Wir thematisieren dies aktiv und zeigen erfolgreiche Praxisbeispiele auf.
Arthur Müggler: Besonders die Kombination von Solar und Dachbegrünung ist ein wichtiges Feld. Hier leisten unsere Merkblätter einen wertvollen Service für die fachgerechte Umsetzung.
Die Kreislaufwirtschaft gewinnt in der Industrie an Fahrt. Wie weit ist man in der Baubranche vom zirkulären Bauen entfernt?
Silvia Gemperle: Seien wir ehrlich: Wir stehen beim Thema Kreislaufwirtschaft hinsichtlich der Gebäudehülle noch ganz am Anfang – genau wie die Baubranche als Ganze. Zunächst geht es darum, Arbeiten so nachhaltig und langlebig wie möglich auszuführen. Parallel dazu beschäftigen wir uns intensiv mit Materialfragen und entwickeln derzeit einen Schulungskurs zum kreislauffähigen Bauen. Auf strategischer Ebene stellen wir uns Fragen wie: Was geschieht beim Rückbau eines Flachdachs? Können Platten wiederverwendet werden und erfüllen sie die technischen Anforderungen? Das sind völlig neue Kompetenzen, an die wir uns herantasten. Unsere Fachtagungen widmen sich diesen Zukunftsthemen und wir sind darauf angewiesen, dass unsere Mitglieder ihre Praxiserfahrungen an uns zurückspiegeln.
Arthur Müggler: Wir stellen heute die wichtigen Weichen für die Zukunft. Es hilft uns sehr, dass wir mit einem Empa-Forscher in unseren eigenen Reihen wissenschaftliche Expertise direkt in den Verband einbinden können. Und wie wir am Anfang des Gesprächs bereits aufgezeigt haben: Unsere Mitglieder sind hervorragend darin, sich neue Kompetenzen anzueignen und ihr Tätigkeitsfeld zu erweitern. Das wird ihnen auch dieses Mal gelingen – natürlich erneut mit uns an ihrer Seite.
Gebäudehülle Schweiz im Fokus
Das Kompetenzzentrum Gebäudehülle Schweiz steht für die Berufe Dachdecker / in, Abdichter / in, Fassadenbauer / in, Solarinstallateur / in und vertritt als Arbeitgeber- und Berufsverband die Interessen von rund 700 Betrieben mit rund 15’000 Mitarbeitenden. Dabei setzt sich Gebäudehülle Schweiz für einen ästhetisch energieeffizienten und nachhaltigen Gebäudepark Schweiz ein. Mit und auf dem Königsweg e+ arbeiten die Gebäudehüllen-Profis Tag für Tag an diesem grossen Ziel. Denn mit energetisch modernisierten Gebäudehüllen in Kombination mit Solarenergie wird die Energiewende im Gebäudesektor fassbar.
Weitere Informationen unter gebäudehülle.swiss




